Die Integrität eines CO₂-Zertifikats wird bewertet, indem die zentralen Bestandteile des zugrunde liegenden Klimaschutzprojekts systematisch untersucht und die vorhandenen Nachweise kritisch geprüft werden.
1. ADDITIONALITÄT
Bei der Additionalität wird geprüft, ob das Projekt auch ohne Einnahmen aus dem Verkauf von CO₂-Zertifikaten umgesetzt worden wäre.
Dazu gehören unter anderem folgende Fragen:
- Welche alternativen Entwicklungsszenarien wurden betrachtet?
- Bestehen finanzielle, regulatorische oder institutionelle Hürden?
- Ist die Projektaktivität in der Region bereits gängige Praxis?
- Ist die Finanzierung durch Carbon Credits für die Umsetzung des Projekts tatsächlich erforderlich?
Ein Projekt ist nur dann zusätzlich, wenn seine Klimawirkung ohne die Finanzierung durch den Kohlenstoffmarkt nicht oder nicht in vergleichbarem Umfang entstanden wäre.
2. CARBON ACCOUNTING UND BASELINE
Bei der CO₂-Bilanzierung wird geprüft, wie konservativ und nachvollziehbar die Baseline, die Biomasse und die relevanten Kohlenstoffspeicher berechnet wurden.
Die Baseline beschreibt, wie sich die Emissionen oder Kohlenstoffbestände ohne das Projekt voraussichtlich entwickelt hätten. Ist diese Annahme zu optimistisch oder überhöht, können mehr Zertifikate ausgestellt werden, als durch das Projekt tatsächlich gerechtfertigt sind.
Auch die Qualität des Monitorings, der Datengrundlage und der Berichterstattung spielt eine entscheidende Rolle.
3. DAUERHAFTIGKEIT UND PERMANENZ
Die Bewertung der Dauerhaftigkeit untersucht, wie hoch das Risiko ist, dass bereits gespeicherter Kohlenstoff später wieder freigesetzt wird.
Je nach Projekttyp und Region können unter anderem folgende Risiken relevant sein:
- Waldbrände
- Dürren
- Schädlinge und Krankheiten
- Stürme
- Überschwemmungen
- Meeresspiegelanstieg
- illegale Abholzung
- Nutzungskonflikte
- unsichere Landrechte
- fehlende oder unzureichende Überwachung
Entscheidend ist außerdem, ob das Projekt über den eigentlichen Anrechnungszeitraum hinaus angemessen überwacht und abgesichert wird.
4. VERLAGERUNGSEFFEKTE UND LEAKAGE
Leakage entsteht, wenn eine Projektaktivität Emissionen nicht tatsächlich verhindert, sondern lediglich an einen anderen Ort verlagert.
Ein Waldschutzprojekt kann beispielsweise den Abholzungsdruck im Projektgebiet reduzieren, während die Abholzung gleichzeitig in ein benachbartes Gebiet ausweicht.
Eine glaubwürdige Projektbewertung muss daher untersuchen, ob solche Verlagerungseffekte auftreten können und wie sie berücksichtigt werden.
5. ÖKOLOGISCHE UND SOZIALE ZUSATZNUTZEN
Neben der reinen Klimawirkung werden auch ökologische und soziale Auswirkungen betrachtet.
Dazu zählen beispielsweise:
- Schutz oder Wiederherstellung der Biodiversität
- Überwachung ökologischer Veränderungen
- Verbesserung lokaler Lebensgrundlagen
- Schaffung von Arbeitsplätzen
- Beteiligung lokaler und indigener Gemeinschaften
- Beiträge zu den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen
Diese Zusatznutzen ersetzen keine robuste Klimawirkung. Sie können jedoch die GESAMTQUALITÄT UND LANGFRISTIGE STABILITÄT EINES PROJEKTS VERBESSERN.
6. ZUVERLÄSSIGKEIT DES PROJEKTPARTNERS
FORLIANCE bewertet neben dem Projekt selbst auch den verantwortlichen Projektpartner.
Dabei werden unter anderem folgende Aspekte betrachtet:
- finanzielle Stabilität
- transparente Eigentumsverhältnisse
- Governance-Strukturen
- operative Erfahrung
- bisherige Projekterfolge
- Qualität der Berichterstattung
- Fähigkeit zur langfristigen Projektumsetzung
Ein technisch gut konzipiertes Projekt kann seine Wirkung nur entfalten, wenn der verantwortliche Partner über die notwendigen Strukturen, Ressourcen und Kompetenzen verfügt.
7. SOZIALE UND ÖKOLOGISCHE SCHUTZMASSNAHME
Zu einer umfassenden Integritätsprüfung gehört außerdem die Frage, ob wesentliche Schutzmaßnahmen tatsächlich umgesetzt werden.
Dazu zählen insbesondere:
- freie, vorherige und informierte Zustimmung betroffener Gemeinschaften, auch als Free, Prior and Informed Consent oder FPIC bezeichnet
- zugängliche und wirksame Beschwerdemechanismen
- transparente Einbindung relevanter Interessengruppen
- klare Land- und Nutzungsrechte
- Schutz gefährdeter Bevölkerungsgruppen
- Dokumentation und Überwachung möglicher negativer Auswirkungen
Wo verfügbar, können unabhängige Bewertungen spezialisierter Ratingagenturen zusätzliche Informationen liefern. Sie sollten jedoch immer gemeinsam mit der eigentlichen Projektdokumentation betrachtet werden.